München: Das Sausalitos setzt Bar-Roboter Sam ein - München

München: Das Sausalitos setzt Bar-Roboter Sam ein – München


Noch bevor Sam den ersten Cocktail gemixt hat, ist er einem schon sympathisch. Muss an der Tollpatschigkeit liegen, die so weg ist vom Shaker hinterm Rücken schleudernden Tom Cruise in “Cocktail” – die Älteren erinnern sich. Bei Sam sieht das anders aus, vorsichtig, bedächtig – und dennoch haut es nicht hin. Beim ersten Versuch kippt der Becher mit dem Rum um, beim zweiten das Glas, als er Crushed Ice zugeben will. Nicht umsonst gelten Cocktailmixer als Inbegriff der Coolness. Nun ist es aber so, dass Sam gar kein Problem mit seinen zwei linken Händen hat. Fängt er halt wieder von vorn an, wie ihm sein Programmierer das eingeimpft hat. Sam ist Roboter, “eine Weltneuheit im Bereich der Bar-Robotik” und hört offiziell auf den Namen “Twist & Tender. My Robotbar”. Da ist Sam schon griffiger.

Küche, Service oder Bar – der Gastronomie fehlt Personal. Automatisierung und Robotik sind längst Lösungsansätze. Sausalitos, Deutschlands größte Cocktailbar-Kette, stellt nun die deutschlandweit erste Roboter-Bar vor, mitten auf der Feierbanane namens Sonnenstraße, wo Sams Kollegen an einem Abend schon mal 250 Cocktails ins Glas wuchten. Auf die Dauer geht das an die Substanz, sagt Bar-Chefin Julia: “Nach meinen ersten Barschichten konnte ich kaum mehr den Schlüssel halten: Flaschen greifen, shaken – und die Blasen in der Handinnenfläche vom Limette-Zermalmen! Da nimmt uns der Sam schon viel ab. Er ist der Kollege, der einfach mal macht und nichts sagt.” Warum gerade Sam? “Steht für Sausolitos automatische Mojitos.”

Automatisierung und Digitalisierung sind Themen, mit denen sich Geschäftsführer Christoph Heidt seit 2017 beschäftigt. Er kommt aus dem Bereich Schuh/Textil/Mode, hat da “viel Disruption erlebt” und sich gewundert, dass die Gastronomie davon ausging, dass diese Entwicklung an ihr vorbei gehen würde. Das hätten Schuhhändler früher auch gedacht, sagt Heidt: “Wir wussten, dass das kommt, und es wird mehr sein als ein Lieferservice auf dem Rad.”

Man habe in Sachen Automatisierung schon viel gemacht, “was man nicht sieht: in der Küche, bei Abläufen im Service. Es ging immer um die Entlastung des Teams. Das Problem mit Personal ist ja: Du hast keins mehr. Es ist weg.” Seit Corona gebe es einen extremen Abschwung: “Die Lufthansa streicht nicht ohne Grund 900 Flüge im Juli – es fehlt an Personal für die Abfertigung. Unlängst wurde ein Open Air abgesagt, weil nicht genügend Security zu kriegen war. Und auf der Wiesn finden sie auch keine Mitarbeiter mehr.”

Was tun als Gastro-Boss? “Die Bar ist unser wichtigster Platz”, sagt Heidt, “in Litern sind wir die größte Bar-Kette Europas. Die Leute meinen immer, die Bar sei ein schöner Arbeitsplatz – aber es ist richtig hart da! Das ist Leistungssport. Alle haben da Probleme: Hände, Gelenke, Rücken. Je weniger Leute ich im Team habe, um so mehr muss ich die pflegen.” Seit Jahren versuche man, die Abläufe zu verbessern – warum nicht mittels Automatisierung? Irgendwann traf er mit seinen Ideen auf den Richtigen: Inores, eine Schweizer Firma mit Dependance in Pasing, die sonst Roboter für BMW baut. Heidt dachte sich: “Wenn so ein Roboter Schrauben finden kann, kann der doch auch Cocktails mixen. Klar ist das komplexer: Limetten schneiden, rühren, Strohhalm rein. Für die Programmierer war das eine Challenge.”

Und als man den beiden Roboterarmen beim Mixen zuschaut, wird klar, warum die Programmierer noch eine Nachtschicht einlegen mussten. Als Sam zwei Mal patzt, bittet die Bar-Chefin die Presse-Schar ans Buffet – und siehe da: Kaum schaut keiner hin, läuft bei Sam alles wie am Schnürchen. Zwar klingen die Robot-Moves zuweilen wie beim Zahnarzt, beeindruckend ist aber die sagenhaft grazile Rührbewegung mit dem langen Löffel. Zum Schluss noch den Strohhalm ins Glas rutschen lassen, fertig. Unter Wettkampfbedingungen, also wenn an diesem Abend die Teilnehmer von Europas größter Automatisierungsmesse einfallen, soll Sam einen Mojito in 30 Sekunden schaffen. Und wenn nicht? Sind Julia & Co. auch noch da.


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