Unmissverständliche Härte: "Peter Grimes" in Nürnberg - München

Unmissverständliche Härte: “Peter Grimes” in Nürnberg – München


Es ist keineswegs so, dass Benjamin Brittens Oper “Peter Grimes”, uraufgeführt im Jahr 1945, ein Schattendasein im Repertoire führen würde. Guckt man sich nur die nähere Umgebung an, dann findet man das Werk in Augsburg und München auf den Spielplänen. Und nun auch in Nürnberg. Je häufiger eine Oper auf den Bühnen anzutreffen ist, desto mehr ist ein radikaler Zugriff legitim, er ist ja nur eine mögliche Variante der Interpretation. Tilman Knabes Inszenierung lässt in Hinsicht auf Unmissverständlichkeit dann auch wenige Wünsche offen. Sie kam schon vor sechs Jahren in Dortmund heraus, von dort nahm sie der Intendant Jens-Daniel Herzog mit nach Nürnberg. Und Knabe verschärfte sie hier noch einmal deutlich.

Brittens Opern sind an sich Meisterwerke schwebender Rätsel. Bei “Peter Grimes” lässt sich das sehr schön an der Verwandlung der Textvorlage zur Oper bestimmen. Die Geschichte stammt von der 200 Jahre alten Verserzählung “The Borough” von George Crabbe. Darin ist Grimes klar ein Unhold, der nach harter Kindheit zum Täter wird, seine Wut an seinen Lehrjungen auslässt, drei tötet. Die Oper nun beginnt mit einer Gerichtsverhandlung gegen Grimes, den Fischer, wegen des Tods eines solchen Lehrjungen. Das Gericht entscheidet auf einen Unfall, das Gerücht seiner möglichen Schuld indes bleibt. Der zweite Tod eines Jungen gegen Ende der Oper findet abseits der Szene statt, wäre aber auch leicht als Unfall zu deuten.

Grimes fischt unermüdlich, weil er zu Reichtum kommen will, zu Anerkennung im Dorf. Und weil er Ellen, verwitwete Lehrerin, heiraten und für sie beide ein Haus kaufen will. Die Beziehung zwischen den beiden flirrt, man weiß eigentlich nicht, was genau zwischen ihnen läuft, wie nahe sie sich wirklich sind. Tilman Knabe weiß es. Die Bühne öffnet sich wie eine Blende, Ellen und Grimes liegen in seinem Bett, schlafen, er wird gepeinigt von Albträumen, hört die Stimmen aus der Gerichtsverhandlung in seinem Kopf – auf der Bühne kommen sie aus dem Off.

Alle sind Verlierer

In der Folge entwirft Knabe mit viel Saft und der Unterstützung von Eva-Mareike Uhlig (Kostüme) und Annika Haller sowie Wilfried Buchholz (Bühne) eine versiffte Gesellschaft, die an einem Campingplatz herumhängt. Man säuft, torkelt und lebt seine Triebe aus. Alle sind Verlierer, der Apotheker dealt, der Priester ist geil, die Mädchen sind aufreizend. Viele grelle, aber gut gezeichnete, gut gesungene Figuren. Der eigentliche Chef ist der Mordskerl Sangmin Lee, großartig, der hier weniger Kapitän als Oberrocker ist. Seltsam, dass Grimes zu diesem Haufen dazugehören will.

Bald entdeckt Ellen im Laptop von Grimes Kinderpornos (man sieht es nicht, man weiß es), und wie Emily Newton, stimmlich ohnehin überragend, das spielt, den Schmerz, den Schrecken, das Erkennen, das ist umwerfend. Und sie bleibt umwerfend in der Ambivalenz ihrer Figur, helfen zu wollen, aber nicht helfen zu können. Zu zwei der großartigen Zwischenmusiken Brittens, die vom inneren Tosen wie auch dem der Natur gleichermaßen künden, projiziert Knabe den Bericht vom Fall eines Kinderschänders und-mörders auf den Vorhang, Statistiken über Missbrauch. Grimes’ Fall ist hier vollkommen klar, den zweiten Lehrjungen sieht man dann auch tot in Grimes’ Bett, alles voller Blut.

Peter Marsh macht die Wut und Verzweiflung des Grimes plastisch, sein Tenor strahlt hell, sein Wüten ist beängstigend. Aber er hat kein Geheimnis mehr, er ist ein Getriebener. Das Volk macht Jagd auf ihn, er will sich kastrieren, begeht dann Selbstmord weit draußen auf dem Meer, Ellen und der Rocker-Kapitän werden ein Paar. Das ist alles gut erzählt, keine Frage. Aber der Fall Grimes wird, wenn auch kein Einzelfall, so doch zu einem individuellen Schicksal, ist nicht von der Gesellschaft evoziert. Und so unmissverständlich wie die Inszenierung wirkt hier die Musik, von Lutz de Veer mit Wucht dirigiert. Aber irgendwie seelenlos, gleißend, metallisch.


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