München: Uraufführung von “Treffpunkt im Unendlichen” in der Schauburg – München


Mit Klaus Manns Roman “Treffpunkt im Unendlichen” hat die gleichnamige Uraufführung in der Schauburg eigentlich nur wenig gemein. 1932 zeichnete der Autor in seinem dritten Roman ein faszinierendes Porträt der “verlorenen Generation” in Deutschland, kurz vor Hitlers Machtergreifung. Schilderte Gefühle junger Menschen wie Sehnsucht und Verzweiflung, politische Rebellion und Flucht aus dem Alltag. Schuf Charaktere wie Sonja und Sebastian, in denen Züge des Geschwisterpaars Klaus und Erika Mann wiederzuerkennen sind; und in der Figur des Tänzers Gregor Gregori einen Vorläufer des karrierebesessenen Hendrik Höfgen, Protagonist seines später im Exil entstandenen Romans “Mephisto”. Aber wen stört diese Entfernung von der literarischen Vorlage schon, wenn doch niemand im Publikum den Roman überhaupt gelesen hat, wie eine ad-hoc-Umfrage von der Bühne herab ergibt.

Andererseits hat Manns Roman in puncto Lebensgefühl wohl doch sehr viel mit dem zu tun, was die neun Jugendlichen an- und umtreibt, die mit der Regisseurin Ulrike Günther und der Dramaturgin Anne Richter im vergangenen Jahr ein Stück erarbeiteten. Ihre Texte spiegeln eine Situation am Scheideweg oder an einem Abgrund, sie suchen Wege hinaus aus der Krise. Symptomatisch schon die Eingangsszene an einem Hauptbahnhof, in der die jungen Menschen in Kostümen der Weimarer Zeit aneinander vorbeihasten, beinahe zusammenstoßen, einander im letzten Moment ausweichen.

In kurzen szenischen Collagen bringen die zwei Darsteller und sieben Darstellerinnen ihre Texte und Songs zu Gehör, schälen sich im Laufe des einstündigen Abends als unterschiedliche Charaktere heraus: Einen karriereversessenen Gregor gibt es tatsächlich auch, verkörpert vom stimmgewaltigen Titus Schumacher. Er gibt den Ehrgeizling, der auf ein Ziel hinstrebt, mit ganzer Kraft, keine Chance auslassen wollend. Wofür eigentlich?, fragt ihn eine Mitspielerin, die ihn mit einzelnen Tönen am Klavier immer wieder aus dem Takt bringt. Bis Gregor in sich zusammensinkt und ratlos von der Bühne geht. Eine Influencerin nimmt mit Smartphone auf einer Party Interviews mit offensiver Werbung für ihre Follower auf, die dann übergroß auf die Bühnenleinwand übertragen werden.

Theater: Zwischendurch wird der Hauptbahnhof auch schon mal zum Tanzhof umfunktioniert.

Zwischendurch wird der Hauptbahnhof auch schon mal zum Tanzhof umfunktioniert.

(Foto: Cordula Treml/Schauburg)

Diese Anprangerung der allgegenwärtigen Selbstvermarktung ist nicht unbedingt neu, der sympathischen Darsteller-Gruppe als Phänomen ihrer Zeit aber trotzdem wichtig. Selbstzweifel – “Ich schaffe es nicht, ich selber zu sein, weil ich damit so beschäftigt bin, die zu spielen, die andere in mir sehen” -, der Wunsch nach Freiheit – emotional vorgetragen in ukrainischer und deutscher Sprache von Pelagea Mohilnik -, die Sorge um das Klima (“Aber wenn wir freitags demonstrieren, heißt es, wir wollen nur die Schule schwänzen”) und um die Zukunft (“Wir leben in Reihenhäusern, die wir uns später nicht mehr werden leisten können”) wechseln einander ab. Zwar hat man das so und anders alles schon einmal gehört, aber die sympathische Gruppe besticht mit Authentizität und Engagement.

Und dann gibt es choreografisch schön umgesetzte Texte wie den, in dem Hannah Werner ein Entfremdungserlebnis während der Pandemie performt: Eigentlich will sie sich in der Pause zwischen zwei Online-Kursen in der Küche nur ein Glas Wasser holen. Aber auf einmal stellt sie fest, dass sie ihren Arm nicht mehr heben und ihre Hand nicht mehr auf die Türklinke legen kann. Stark ist auch die Szene, in der das Porträt einer jungen Frau in Kreide entsteht und auf die große Leinwand projiziert wird. Mit Falten altert es allmählich, bis es am Ende zum Totenkopf mutiert, aus dessen schwarzen Augenhöhlen dann aber doch rote Blumenblätter erwachsen.

“Der Traum ist aus – Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird” intonieren die Darsteller passend dazu Rio Reisers Song: “Ich hab’ geträumt, der Krieg wär vorbei/ Du warst hier und wir waren frei/ Alle Türen waren offen, die Gefängnisse leer/ Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr”. Auch diese Zeilen von 1972 sind nicht neu. Traurig genug, dass sie heute wieder aktuell sind. So dass die “Generation P – wie Pech oder Pleite” auf der Bühne skandieren muss: “So wie jetzt geht es nicht!”

Treffpunkt im Unendlichen, weitere Termine bis 18. Juli, Schauburg, Große Burg, Franz-Joseph-Straße 47


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