München: Die Stiftung Pfennigparade wird 70 Jahre alt – München


Das Geheimnis des Erfolgs der Stiftung Pfennigparade sind Engagement und Mut. Bei allen Beteiligten. Mut, die Initiative zu ergreifen. Mut, Neues auszuprobieren. Mut, selbstbewusst voranzuschreiten. Das war schon 1952 so, als engagierte Münchner nach dem Vorbild der US-amerikanischen Organisation “March of Dimes” den Verein Pfennigparade gründeten – mit dem Ziel, Spenden für die Forschung und die Opfer der in Europa und den USA grassierenden Polio-Epidemie zu sammeln. Und das ist auch heute noch so, 70 Jahre später. Jetzt mit dem Fokus, eine vielfältige und gerechtere Gesellschaft zu schaffen, die niemanden ausschließt.

Die Pfennigparade, inzwischen eines der größten Sozialunternehmen von und für Menschen mit Behinderung in Deutschland, feiert am Mittwoch, 22. Juni, im Alten Rathaus ihr 70-jähriges Bestehen. Eine gemeinnützige Stiftung mit 17 Tochterunternehmen und mehr als 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die 80 Dienste und Einrichtungen an 37 Standorten unterhält und Kinderhäuser, Schulen, Tages- sowie Förderstätten betreibt. Eine buntes Zentrum mit Wohngruppen, Pflege- und Assistenzdiensten. Mit Werkstätten, Inklusions- und Dienstleistungsbetrieben.

Dass dabei der Mensch mit all seinen Besonderheiten, Bedürfnissen und Wünschen immer an oberster Stelle stand und steht, ist für alle in der Pfennigparade selbstverständlich. Doch was heißt das konkret? Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten getan, was ist noch zu tun? Einschätzungen und Persönliches von Machern, Bewohnern, Mitarbeitern und Schülerinnen.

Stiftung Pfennigparade: Überlebte nur dank der Eisernen Lunge: Bruni Bung.

Überlebte nur dank der Eisernen Lunge: Bruni Bung.

(Foto: Sebastian Dürst)

Früher an der Eisernen Lunge, heute Verlagsbuchhändlerin

Bruni Bung, 66, erste Schülerin: “Ich war drei, als ich an Polio erkrankte. Bei mir hat sich das Virus auf die Lunge gelegt, sodass ich wegen Atemlähmung erst einmal eineinhalb Jahre im Schwabinger Krankenhaus verbringen musste. Im Alter von elf oder zwölf bekam ich dann so schlecht Luft, dass ich nur noch mithilfe der Eisernen Lunge überleben konnte. Anfangs lag ich 24 Stunden in der metallenen Beatmungsmaschine, später nur noch nachts, um meine eigene Atemmuskulatur zu schonen. In dieser Zeit war ich wieder im Krankenhaus, denn zu meiner Familie konnte ich ja nicht zurück. Damals, 1969, wurde gerade das erste Haus der Pfennigparade an der Barlachstraße gebaut. Als es fertig war, sind alle Kinder, die infolge der Kinderlähmung im Krankenhaus lebten – 15 bis 20 Leute – in die Pfennigparade umgezogen. Viele mit ihren Familien, aber für meine Eltern kam das nicht infrage. Seinerzeit hieß es noch, die Kinder, die so schwer behindert sind, leben eh nicht lange.

Das Haus war damals noch alles in einem: Schule, Wohntrakt, Beatmungsstation. Ich war 14 und lag auf der Station, auf der auch examinierte Schwestern und Pfleger gearbeitet haben. Aber es war toll, jeder kannte jeden. Es herrschte Aufbruchstimmung, es war ein Experiment. Bloß raus aus der Klinik. Und es war eine große Offenheit da, auch in der Gesellschaft. Ich besuchte damals die erste Klasse der Realschule, der Unterricht war über den ganzen Tag verteilt. Wann die Lehrer Zeit hatten, zu uns zu kommen, hing von ihren Freistunden ab. Unsere Schulleiterin Antonie Vieregg engagierte sich als Pionierin dafür, dass wir für unseren Abschluss extern geprüft wurden – und wir haben uns alle sehr angestrengt und auch bestanden. Weil wir wussten, wie wichtig der Erfolg für die Schule ist. Dasselbe Spielchen wiederholte sich dann bei der FOS.

Nach dem Abi habe ich erst mal zwei Semester Sozialpädagogik studiert, wurde dann aber Verlagsbuchhändlerin. Aus der Pfennigparade bin ich im Herbst 1975 ausgezogen. Für mich war die Pfennigparade insofern gut, als ich dort gelernt habe, das, was ich vom Leben erwarte, auch durchzusetzen. Denn damals war die Freiheit, selbst zu entscheiden, sehr eingeschränkt. Man wurde schnell überbehütet, man hat uns nichts zugetraut. Beatmete Menschen beispielsweise durften damals nicht allein in den Hof. Wir haben es aber einfach gemacht. Leider sind wir heute, was die Reglementierungen anbelangt, in manchen Dingen nicht weiter als vor 40 oder 50 Jahren. Einen Menschen zu unterstützen, der 24 Stunden Hilfe braucht, ist immer noch teurer als ein Heimplatz. Das bremst die Selbständigkeit.”

Stiftung Pfennigparade: Würde gerne beim Radio arbeiten: Schülerin Felicitas Fischer.

Würde gerne beim Radio arbeiten: Schülerin Felicitas Fischer.

(Foto: Stiftung Pfennigparade)

Vorfreude aufs Großstadtleben

Felicitas Fischer, 18, heute Schülerin: “Die Ernst-Barlach-Schulen sind geil, da wirst du individuell gefördert, jederzeit. Und du hast deine Therapien vor Ort, das ist supergenial. Eigentlich sollte jede zweite Schule so sein. Auch dass bei uns Leute mit und ohne Behinderung in einer Klasse sind, ist super. Dieses Gefühl von “Oh mein Gott, die ist komisch, die sitzt im Rollstuhl” werden Schüler und Schülerinnen der Pfennigparaden-Schulen nie haben. Weil das Miteinander ganz normal ist. Ich bin jetzt seit sieben Jahren an dieser Schule, ich mache den M-Zweig und habe dann den Realschulabschluss. Vielleicht gehe ich dann noch auf die FOS, das ist aber noch nicht sicher. Was ich weiß, ist, dass ich gerne beim Radio arbeiten würde. Das funktioniert auch mit meiner Muskelschwäche, ich kann gut mit Schnittprogrammen umgehen und habe ein Gespür für Töne.

Bevor ich zur Pfennigparade kam, habe ich eine Grundschule in Kempten besucht, ich komme aus dem Allgäu. Aber an diesem Förderzentrum habe ich mich nicht frei gefühlt, sondern wie eine behinderte Person. Wir haben zum Beispiel über ein- und dasselbe Thema dreimal dieselbe Probe geschrieben. Außerdem kann man dort nur einen Förderschulabschluss machen, ich möchte aber einen hochklassigen Abschluss. In der neunten Klasse, hat mir jemand erzählt, wurde dort das Eichhörnchen durchgenommen. Da habe ich an der Ernst-Barlach-Schule schon mit unendlichen Zahlen gerechnet. Klar, für viele ist das dort wunderbar. Aber eben nicht für alle. Wenn ich im September meinen Abschluss habe, will ich in eine Wohngruppe der Pfennigparade ziehen, mit einer Freundin aus meiner Klasse. Das ist cool, ich freue mich schon auf das Münchner Großstadtleben. Bisher bin ich jeden Tag gependelt, musste um kurz nach sechs aufstehen. Aber das war’s zu hundert Prozent wert.”

Stiftung Pfennigparade: Bringt sich engagiert ein: Beate Höß-Zenker.

Bringt sich engagiert ein: Beate Höß-Zenker.

(Foto: Stiftung Pfennigparade)

Wenn die Kinder aufblühen

Beate Höß-Zenker, 60, Geschäftsführerin des Bildungsbereichs Phoenix: “Ich kam vor 34 Jahren als Ergotherapeutin zur Pfennigparade. Was mir von Anfang an gefallen hat: Das ist wirklich ein Ort, an dem man sich einbringen kann. Ich gestalte sehr gerne Räume für Kinder. Hier konnte und kann ich Konzepte umsetzen und auch an der Architektur mitwirken. Mein persönliches Schlüsselerlebnis war 1995. Damals machte eine Familie mit ihrem schwerbehinderten Sohn, der bei uns gefördert wurde, Urlaub in Ungarn. Als der Junge nach drei Wochen wieder zurückkam, war er wie ausgewechselt. Dasselbe wiederholte sich mit anderen Kindern: Nach 21 Tagen dort konnten sie mehr als nach zwei Jahren bei uns. Der siebenjährige Maxi zum Beispiel saß im Rollstuhl, hat kaum gesprochen. Wir dachten, er sei auch geistig behindert. Nach drei Wochen Budapest aber redete er, saß gerade und war offen und aufmerksam – es war erstaunlich. Der Grund für die Entwicklung waren Aufenthalte im Petö-Institut. Da war für mich klar: Das will ich auch in München umsetzen.

1996 startete die Abteilung für konduktive Pädagogik, die den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit fördert, also motorisch, sozial, emotional, sprachlich und kognitiv, mit 28 Kindern an der Barlachstraße. 2004 sind wir dann aus Platzgründen nach Oberföhring umgezogen und haben dort einen zweiten Schulkomplex gegründet, die Phoenix GmbH. Spezialisiert auf die Förderung von Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen. Bei uns hat wirklich jeder Mensch das Recht, so zu sein, wie er ist. Und jeder kann die Diversität im Alltag erleben. Wir haben bei der Pfennigparade im Herbst, wenn die Krippe und die Kita im Prinz-Eugen-Park eröffnet, acht inklusive Kinderhäuser mit 470 Plätzen. Plus 748 Plätze in den Schulen und den Heilpädagogischen Tagesstätten. Damit Inklusion funktioniert, müssten sich jetzt nur noch die Regularien anpassen. Denn bislang machen Krankenkassen Eltern und Kindern noch das Leben schwer, weil wichtige Hilfsmittel einfach nicht oder nur auf massiven Druck hin finanziert werden. Da ist mehr Tempo nötig.”

Stiftung Pfennigparade: Schwierigkeiten, auf dem freien Markt unterzukommen: Regina Kögler und Stefano Bedrich.

Schwierigkeiten, auf dem freien Markt unterzukommen: Regina Kögler und Stefano Bedrich.

(Foto: Stiftung Pfennigparade)

Mit eigenen Stücken auf die Bühne

Regina Kögler, 31, und Stefano Bedrich, 59, aus dem Kreativlabor: “Wir gehören zu den Kreativen in der Arbeitswelt der Pfennigparade. Es gibt uns erst seit acht Jahren, wir sind Theaterleute und Musiker, die selbst Stücke schreiben, sie auf unserer eigenen Bühne im Forum am Luitpold aufführen oder auf Tournee durch die Stadt gehen. Folgen unserer “Familie Ding-Dong” kann man jeden Freitag live im Kanal Labor 106 auf der Gaming-Plattform Twitch-TV anschauen. Auch von Profi-Theatern werden wir angefragt, ob man nicht mal was zusammen machen könnte. Wir beide haben, bevor wir zur Pfennigparade gekommen sind, sehr lange versucht, auf dem freien Arbeitsmarkt einen Job zu bekommen. Aber unsere tückische Krankheit – wir sind beide Epileptiker – hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Keiner wollte uns einstellen. Man sieht uns die Krankheit nicht an, aber sie gehört zu uns wie die Nase im Gesicht und wir wollen sie nicht verstecken. Die Pfennigparade ist da super: Sie ist ein sehr guter Arbeitgeber. Sie kümmert sich. Und sie hat ein Ohr für ihre Leute.”

Stiftung Pfennigparade: Seit 45 Jahren bei der Pfennigparade zu Hause: Werner Schwarz.

Seit 45 Jahren bei der Pfennigparade zu Hause: Werner Schwarz.

(Foto: Sebastian Dürst)

Normal und nicht besonders

Werner Schwarz, 69, Bewohner des Hauses an der Barlachstraße: “Die Pfennigparade ist mein Zuhause. Der Ort, an dem ich seit 45 Jahren wohne, der mir die Möglichkeit gibt, unabhängig zu leben, und an dem ich ohne großen Aufwand alles erreichen kann, was ich brauche. Das gibt es nicht allzu oft. Als Kind hatte ich einen Unfall. Das Rückenmark wurde verletzt, die Folge war, dass ich schon mit vier Jahren meine Hand nicht mehr einsetzen konnte und kurz darauf das Bein nachzog. Danach wurde ich immer wieder operiert, bis ich zehn war, hatte ich keine Schule von innen gesehen. Das änderte sich erst im Krankenhaus in Heidelberg, in dem es einige Zimmer für Heimkinder gab. Aber ich war ehrgeizig – und hatte schon mit 25 meinen Studienabschluss in der Tasche.

1977 kam ich dann nach München, ich hatte gehört, dass man hier als gehandicapter Mensch einen Job und eine Wohnung bekommt. Selbständig zu sein war mir wichtig, und ich wollte sofort Geld verdienen. Gearbeitet habe ich schließlich als Systemsoftware-Entwickler bei Siemens in Neuperlach. Damals war bei der Pfennigparade alles noch klein, es gab die ganzen GmbHs noch nicht, es kamen nicht jeden Morgen unzählige Busse, um die Schüler zu bringen. Der Pflegedienst bestand noch aus Zivis und FSJ-lern, vieles verlief viel hemdsärmeliger und weniger reglementiert als heute. Die Pfleger haben einen zum Beispiel einfach so hochgehoben, jetzt braucht man einen Lifter. Oder man sagte, komm, wir gehen in die Kneipe. Dafür braucht es inzwischen einen Termin. Einiges dürfen Zivis auch einfach nicht mehr, Atembehinderte versorgen zum Beispiel.

Man muss aber auch sagen: Gäbe es die Pfennigparade nicht, wäre ich heute im Altersheim. Und würde kein so freies Leben führen. Natürlich, die Pfennigparade ist eine Sondereinrichtung. Aber sie ist wichtig, denn hier gibt es Angebote wie ein höhenverstellbares Schwimmbad, besondere Physiotherapie-Möglichkeiten und alles ist barrierefrei. Hier ist man als behinderter Mensch normal und nicht besonders.”

Stiftung Pfennigparade: Kämpfen mit den Kostenträgern: die Vorstände Jochen Walter (li.) und Ernst-Albrecht von Moreau.

Kämpfen mit den Kostenträgern: die Vorstände Jochen Walter (li.) und Ernst-Albrecht von Moreau.

(Foto: Birgit Franke/Stiftung Pfennigparade)

Lange Verhandlungen mit Krankenkassen

Jochen Walter, 61, Stiftungsvorstand: “Als ich vor 20 Jahren bei der Pfennigparade anfing – die 50-Jahr-Feier fiel in einen meiner ersten Arbeitstage -, konzentrierte sich unser Engagement hauptsächlich auf den Standort an der Schwabinger Barlachstraße. Seitdem sind wir inklusiver geworden und kräftig gewachsen. Wir sind nicht nur zunehmend in die Stadtteile gegangen, wir haben jetzt auch rund 900 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mehr und konnten unsere sozialen Partnerschaften mit vielen Unternehmen ausweiten. Damit bringen wir Menschen zusammen, bauen Schranken ab und schaffen ein gelebtes Miteinander.

Wenn beispielsweise die neuen Azubis bei der Hypovereinsbank anfangen, sind sie auch einen Tag bei uns. Umgekehrt gehen Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf nach außen. Verbessert haben wir aber auch unsere medizinisch-therapeutische Versorgung. Seit 2018 gibt es bei uns – nach langen Verhandlungen mit den Krankenkassen, die das bezahlen müssen – ein spezialisiertes medizinisches Zentrum für erwachsene Menschen mit Behinderung. Das ist vor allem für Menschen mit Mehrfachbehinderungen wichtig. Bei Krankenhausaufenthalten nimmt dieses MZEB Kontakt zu den Ärzten in der Klinik auf, um sicherzustellen, dass die Patienten dort adäquat versorgt werden.”

Ernst-Albrecht von Moreau, 59, Stiftungsvorstand: “Die Pfennigparade ist wie eine große Familie. Mit tollen Menschen, einem Spirit und einer Innovationskraft, die ich bewundere. Von Anfang an war die Mission der Mitarbeiter Teilhabe: Die Kinder, die damals an Polio erkrankt waren, sollten raus, nicht versteckt werden. Schon damals war der Treiber ein hohes Maß an Normalität, ein Sich-Nicht-Zufriedengeben mit dem, was man erreicht hat, sondern das Weiterdenken. Nach dem Motto: Du schaffst das. Ich war mal bei einer Wohngruppe in Trudering zu Besuch, da gehen zum Beispiel alle zusammen in die Disco. Da wird nicht nur Dienst nach Vorschrift gemacht.

Ein anderer Kollege, Markus Mair, hat vor Jahren aus eigenem Antrieb Skibobs für Menschen mit Handicap entwickelt – damit sie auf die Piste können. Mair fährt auch mit körperlich stark eingeschränkten Leuten auf eine ganz normale Alpenvereinshütte, ohne jegliche Barrierefreiheit. Das ist schon echt stark. Dennoch, bei all dem, was wir heute zu bieten haben – beim Thema Inklusion sind wir gesamtgesellschaftlich noch ziemlich am Anfang. Wir sind weit weg von einer inklusiven Beschulung, bereits bestehende Begegnungen mit Partnerschulen beispielsweise wurden aufgelöst, weil die Räume anderweitig gebraucht wurden. Wir bauen immer noch nicht barrierefrei. Und auch bei Firmen ist noch viel Luft nach oben. Unsere Aufgabe ist es, da den Finger in die Wunde zu legen und mitzuhelfen, Lösungen zu erarbeiten, damit Inklusion mehr und mehr gelingen kann.”


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