“Kiss me, Kate” eröffnet die Augsburger Freilichttheater-Saison – München


Acht Kilo Haarklemmen, vier Pfund Puder, 40 Flaschen Haarspray, 70 künstliche Wimpern (mehrfach verwendbar): Es kommt auf die Form an, wenn Augsburg die Freilichttheater-Saison am Roten Tor eröffnet. Auf die Form, die Optik, den großen, charmant altmodischen Musical-Klang und die makellose Choreografie, die Cole Porters “Kiss me, Kate” zu einem der unumstößlichen Klassiker machen.

Das alles schießt aufs Schönste zusammen in Klaus Seifferts temporeicher Inszenierung, die sich auf clevere Weise an den Traditionen orientiert, ohne im Nostalgie-Sumpf stecken zu bleiben. Das liegt auch am intelligenten, durchdacht agierenden Ensemble. Die Augsburger schaffen es, den heillosen Wirrwarr, in den sich die Schauspieltruppe um Fred Graham verstrickt, auf schauspielerisch-sängerische Weise sinnfällig zu machen. Denn nur weil die Bühne bunt ist und die Renaissance-Kostüme so klischiert, wie sie sich nur ein Baltimorer Theaterdirektor mittlerer Berühmtheit ausdenken kann – eindimensional ist hier nichts. Hörbar wird es in der schuberthaft zwischen Dur und Moll changierenden Musik, farbenreich interpretiert von den Augsburger Philharmonikern unter Justin Pambianchi.

Musical und mehr: Im rechten Maß divenhaft: Susanna Panzner.

Im rechten Maß divenhaft: Susanna Panzner.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

So vollendet die Nummern sind – jeder Schritt sitzt, jede Pointe der flotten Tür-auf-Tür-zu-Komik trifft – ihre Akteure straucheln im Netz der Beziehungen, das sie selbst geknüpft haben. Lilli, inzwischen verlobt mit dem zweifelhaften Harrison Howell, empfindet noch etwas für ihren Ex-Mann Fred. Bei der Arbeit an Shakespeares “Der Widerspenstigen Zähmung” treten die alten Regungen an die Oberfläche. Aber weil zusammengehört, was zusammenpasst, küssen sich Lilli und Fred ganz am Ende, gespiegelt im Stück im Stück als Katharina und Petruchio. Eigentlich war das von Anfang an klar, denn auch in der Zankerei lässt sich die Bühnenchemie zwischen der im rechten Maß divenhaften Susanna Panzner und Samuel Schürmann als brüchigem Narzissten nicht leugnen.

Auch das Fugger-Musical “Herz aus Gold” steht auf dem Programm

Ihnen zur Seite steht das jüngere Paar aus Lois (ein quirliges Energiebündel: Katharina Wollmann) und der lässig-nachlässige Bill (als gekonnt kühler Gegenpart: Andreas Langsch). Doch auch die kleinen Rollen brillieren. Maryanne Kelly etwa entzückt als biedere Ankleiderin Hattie, die sich in einer überraschenden Volte zur Musical-Prima mit großer Stimme und Bühnenpräsenz mausert und erntet reichlichen Szenenapplaus. Zugegeben, die Schlusswendung, nach der Katharina/Lilli und ihr Petruchio/Fred (wieder) zusammenkommen, ist auch hier einigermaßen abrupt. Aber was tut’s? Es liegt am Zauber des Genres und des Ortes, dass hier solche Fragen an Relevanz einbüßen.

In weiteren neun Vorstellungen kann das Gesamtkunstwerk aus Bühnenshow, musikalischem Witz und Abendluft erlebt werden (zwischen 28. Juni und 9. Juli). Zwei weitere Werke runden das sommerliche Rote-Tor-Programm ab: Das 2018 uraufgeführte und mit viel (auch nicht-Augsburgerischer) Sympathie aufgenommene Fugger-Musical “Herz aus Gold” von Stephan Kanyar und Andreas Hillger wird vom 17. bis zum 29. Juli gespielt. Carl Orffs “Carmina Burana” schließen die Saison ab, mit der glücklichen Verbindung aus Augsburger Philharmonikern und Opernchor unter Generalmusikdirektor Domonkos Héja (23. Juni, 25. und 30. Juli).

Staatstheater Augsburg auf der Freilichtbühne Am Roten Tor, Programm und Karten unter www.staatstheater-augsburg.de/freilichtbuehne


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