Hommage: Herbert Achternbuschs Buch "Die Olympiasiegerin" - München

Hommage: Herbert Achternbuschs Buch “Die Olympiasiegerin” – München


“Die Eisnerin darf nicht sterben!” Als Werner Herzog 1974 erfährt, dass die Grande Dame der Filmkritik in Paris mit dem Tod ringt, fasst er einen trotzigen Entschluss: Wenn es ihm gelänge, zu Fuß zu Lotte Eisner zu kommen, würde sie überleben. Von München aus marschiert er los und macht das erste Mal in Pasing Rast. Dort ist gerade Herbert Achternbusch, der in Herzogs Film “Jeder für sich und Gott gegen alle” einen Bauernburschen gespielt hat, im Krankenhaus.

“Achternbusch war aus dem fahrenden VW-Bus gesprungen”, wird Herzog später in seinem Reisetagebuch “Vom Gehen im Eis” berichten und fortfahren: “Das machte ihm nichts. Dann sprang er gleich noch einmal und brach sich das Bein dabei. Jetzt liegt er auf der Station 5.” Die Anekdote erzählt unbändig viel über den Universalkünstler Achternbusch, der Anfang dieses Jahres 83-jährig in seiner Geburtsstadt München gestorben ist. Sie erzählt von dem Filmemacher, Maler, Autor, Schauspieler und unbeirrbarem Freigeist, der kein Risiko gescheut hat. Von dem aufmüpfigen Hallodri, der es selbst mit den Elementen aufnahm. Vom Jumper ohne Netz und doppeltem Boden, immer auf dem Sprung oder wenigstens tänzelnd. Wie in den schönsten Momenten seiner in den Siebzigerjahren gedrehten Anarcho-Komödie “Bierkampf”. Darin lässt er sich leichtfüßig durch ein dampfendes Oktoberfestzelt treiben. Slapstick pur und Hommage an die Anfänge des Kinos. 2017 erinnert er sich in einem Interview mit der SZ: “So echt war ich nirgends wie im Bierkampf. Da geh’ ich verkleidet als Polizist durchs Bierzelt und trieze die Leute, bis mir einer sogar einen Kinnhaken versetzt und ich durch die Luft fliege, Füße nach oben. Das war phänomenal.”

Einen solchen Luftikus-Moment gibt es auch in Achternbuschs “Die Olympiasiegerin”, wie wir noch sehen werden. Das 1982 erschienene Buch und der ein Jahr später daraus hervorgegangene Film sind vielleicht das persönlichste Werk in seinem ureigenen Privatuniversum, in dem stets die Grenzen zwischen Biografie und Kunst zerfließen. Achternbusch wurde 1938 als uneheliches Kind geboren und wuchs bei seiner Oma im Bayerischen Wald auf. Seine Mutter, die Sportlehrerin Luise Schild, brachte sich um. 1960 wurde er von seinem leiblichen Vater adoptiert.

Der Inhalt der “Olympiasiegerin”? Gelinde gesagt etwas schwierig zu fassen, was aber auch irgendwie wurscht ist. Zeiten und Orte, Realität und Fiktion gehen wild durcheinander: Sein Geburtsjahr 1938, Krieg, Nachkriegszeit. München, Plattling-West, -Nord, -Ost, -Süd. Polizisten und Demonstranten, Engel und Tod, Täuschung und Enttäuschung und am Ende “Die “Ausfahrt”. So heißt das Schlusskapitel.

“Aus deinem Gesicht hängt ja das Hosentürl”

“Herbert” erträumt sich eine neue Zeugung. Die Kunst macht es möglich. Diesmal will er sich im Achtunddreißigerjahr seine Eltern selbst aussuchen und entscheidet sich für Adi und Ilona. Adi ist Zahnarzt, vor allem aber Streuner und Stritzi, der sich auf der Trabrennbahn und im Wirtshaus herumtreibt. John Dillinger will er genannt werden, wie der legendäre Gangster. Klar, dass dieser Adi es mit der Treue zu seiner Frau Gabi nicht allzu ernst nimmt und Ilona bis ins Dantebad folgt, um sie zu Kaffee und Kuchen einzuladen. Immerhin ist Ilona “die schönste Frau von ganz München”. Außerdem möchte sie 1940 in Tokio Olympiasiegerin werden.

Vorrede und erstes Kapitel dieses zärtlichen, hitzigen, bösen Schöpfungsmythos wider die eigene Biografie werfen dem möglicherweise überforderten Leser ein paar Verständnisbröckchen hin, die er beherzigen sollte. “Wer von der Form nichts hält”, heißt es da, “der weiß nichts”. So wie die depperten Bayern, die seine Filme genau deshalb nicht verstehen. Weil es eben “schlängelnde Filme” sind, die sich einem Plot verweigern und “nicht in ihre begradigten, in ihre sanierten Gehirne passen”.

Was für die Filme gilt, gilt auch für die Bücher. Die Kapitel der “Olympiasiegerin” ähneln mehrfachbelichteten Fotografien. Dialoge wechseln mit Monologen, surreale Traumsequenzen mit konkreten Drehbuchanweisungen. Wer bereit ist, einfach mitzuschlängeln, den führt Achternbusch zum TSV 1860 und zum Deutschen Museum, an den Wittelsbacher Brunnen und zur Feldherrnhalle und beglückt mit entwaffnenden Sätzen wie “Aus deinem Gesicht hängt ja das Hosentürl”.

Am Königsplatz schließlich wird wieder gesprungen. Adi fordert seine Ilona auf: “Für jeden Stein (…) den du nicht berührst, bekommst du einen Hunderter. Und sie springt über den Königsplatz.” Im Film sieht man an der Stelle Annamirl Bierbichler und Herbert Achternbusch als Ilona und Adi völlig losgelöst laufen, fliegen, laufen, fliegen. Bis zur Erschöpfung. Vielleicht hängt Achternbuschs stete Betonung der Physis auch damit zusammen, dass einem so nicht mehr kalt ist. Denn auch darum geht es in “Die Olympiasiegerin”. Ums innere Warmwerden und die Farbe Rot: “Erleichternd war es, als mich mein Vater adoptierte, und ich seinen Namen bekam, den ich heute trage. Darauf gingen wir auf den Fasching, er im roten Wollkleid. Wir tanzten. Am Morgen ging ich zum Bahnhof. Dem Unrat im Kopf den Kampf ansagend, erhob sich rot die Sonne über München.”

Herbert Achternbusch, Die Olympiasiegerin. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2008. 138 Seiten. 9,90 Euro/antiquarisch


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