Tollwood wieder da: So ist das Sommer-Festival 2022 – München


Da hetzt man sich auf seinem alten Drahtesel ab, um es nur ja pünktlich zum ersten großen Tollwood-Konzert nach einer halben Ewigkeit zu schaffen, und dann das: Steht da auf der Bühne ein Mensch, der weder so aussieht noch so singt wie der angekündigte Rea Garvey. Was soll das, bitte schön? Bisschen zu hektische Nachfrage beim nächstbesten Security-Mann, was denn mit dem Garvey sei. Tiefenentspannte Antwort: “Der Garvey? Der war schon.” Wie, der war schon? Ist doch erst viertel nach sieben! Nächste tiefenentspannte Antwort: “Entspann dich, Mann! Das ist die Vorgruppe.” Es folgt: prustendes Gelächter und ein bedripster Reporter. Das geht ja gut los mit diesem Tollwood!

Nach zwei Sommern ohne Falafal- und Tandoori-Stände, ohne Batikkleider und Designerschmuck ist es endlich wieder da: Münchens liebstes Draußen-Festival. Luise Kinseher, die man bei Weißwein und Wasser in der Half Moon Bar trifft, formuliert das so: “Tollwood gehört zu München wie das Oktoberfest.” Da ist was dran, und wer sich am ersten Abend über das ungewöhnlich staubige Areal – der übliche Tollwood-Regenguss am frühen Nachmittag hatte diesmal keine Schlammspuren hinterlassen – treiben lässt, bei dem kommen tatsächlich so etwas wie heimische Gefühle auf. Der Sommer in der Stadt: Ungefähr ganz genau so wie hier muss der sein.

Olympiapark: Der Barfußpfad liegt gleich beim Kinderzelt.

Der Barfußpfad liegt gleich beim Kinderzelt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Aber fangen wir vorne an: beim Barfußpfad. Viele Eltern fragen sich ja, ob das so eine gute Idee ist, mit Kindern aufs Tollwood zu gehen. Knappe Antwort: Ja, es ist. Wer den Kleinen beim Balancieren und Rumhüpfen im Steingarten des Barfußpfads am Westende des Geländes zuschaut, erlebt herrliche Szenen und maximal divergierende Erziehungskonzepte, von “Ach, lass ihn doch mal selber laufen!” bis “Nee Schatz, ich trag dich lieber mal ein Stück.” Eine baff erstaunte Mama zum rabenschwarzsockigen Filius: “Kind, was hast du denn da für dreckade Dinger an den Füßen?”

Drei herrlich durchgeknallte Straßenkünstler im Pferdekostüm

Ein paar Stände weiter am “S-Beach” der Stadtsparkasse wird Trampolin gesprungen und Tischfußball gespielt, und im sogenannten Amphitheater nahe dem Haupteingang muss man den Kopf in den Nacken legen, um die in 15 Metern Höhe auf dem Seil rumturnenden Slacklinern Friedi Kühne, Lukas Irmler und Julian Mittermaier zu bestaunen. Die höchste Gaudi für Klein und Groß sind jedoch “Les Goulus – The Horsemen”, drei herrlich durchgeknallte Straßenkünstler aus Frankreich im Reiter- und Pferdekostüm, die Monty Python zur Ehre gereichen würden. Ergo: die Kinder einpacken, schauen, staunen, lachen!

Olympiapark: Schon mal einen Schoko-Döner probiert? Bitteschön.

Schon mal einen Schoko-Döner probiert? Bitteschön.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer den Nachwuchs vor Ort auch noch verpflegen will, sollte allerdings die großen Scheine einstecken: Essen kann ganz schön ins Geld gehen. Ein handelsüblicher Burger – wie fast alles auf dem Gelände in Bio-Qualität – schlägt mit satten 9,50 Euro zu Buche, ohne Pommes. Aber ohne die ein oder andere Köstlichkeit probiert zu haben, kommt man an all den Gerüchen aus aller Herren Länder sowieso nicht vorbei: türkisches Slow Food oder doch lieber einen Schoko-Döner? Bio-Kokosnuss oder die Spareribs mit Ofenkartoffeln gleich nebenan? Burritas oder Tibet-Food? Ein typischer Satz: “Oh, hier riecht’s nach Crepes, geil!” Die längste Schlange gab es jedenfalls vor der “Pizzahütte” – da weiß der Münchner, was er hat. Was Nahrung wirklich kostet, erfährt man dann in “Tante Emmas Wahre Kosten-Laden”, wo mancher Flyertext einen Tick zu sperrig geraten ist: “Maßnahmen zur Erhöhung der Biodiversität durch true cost accounting bei Lebensmitteln” heißt es da zum Beispiel. Griffiger ist da schon das Avocado-Beispiel: Zwei Vollbäder oder eine Avocado essen verbraucht gleich viel Wasser, nämlich 324 Liter.

Olympiapark: Wie auf Knopfdruck drückt die Handy-Gemeinde auf Aufnahme, als der für die Jahreszeit viel zu warm gewandete Ire Rea Garvey losrockt.

Wie auf Knopfdruck drückt die Handy-Gemeinde auf Aufnahme, als der für die Jahreszeit viel zu warm gewandete Ire Rea Garvey losrockt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und dann ist da natürlich noch die Kultur. Rea Garvey zum Beispiel. Um 19.15 Uhr am Donnerstagabend hat er noch Pause, hört sich vielleicht die Vorgruppe an und beginnt dann Punkt acht sein Tagwerk: “Are you ready, Munich?” Aber sicher doch! Wie auf Knopfdruck drückt die Handy-Gemeinde auf Aufnahme, als der für die Jahreszeit viel zu warm gewandete Ire los rockt. Vor dem zweiten Song wird klar, warum er eine Jacke trägt: damit er sie ausziehen, maximal lässig in die Bühnenecke schleudern, die Tattoo-Arme und sein Totenkopf-T-Shirt zeigen kann.

Becher Bier in der Hand, glückliches Lächeln im Gesicht

Im zur Hälfte abgehängten Zelt: Viele Arme um Schultern, eine Dame nebenan hat die Schuhe ausgezogen und tanzt barfuß, Becher Bier in der Hand, glückliches Lächeln im Gesicht. Stimmt, so war das früher auf diesen Konzerten: einfach mal loslassen, mitgehen, genießen. Auch wenn das bei Rea Garvey nicht jeder hinbekommt. Wie im Keller habe er sich in den vergangenen zwei Jahren gefühlt, sagt er zwischen zwei Songs: “Unser Zuhause hier hat uns so gefehlt!” Jubel! Und er legt nach: “Irgendwann muss diese Zeit doch mal vorbei sein!”

In der Half Moon Bar spielt die “Guten A-Band”, zwei Traunsteiner in Hawaii-Hemden. Die mittleren Bänke sind reserviert für das traditionell am ersten Tollwood-Tag stattfindenden Mitarbeiter-Fest, doch anscheinend sind die Mitarbeiter auf Arbeit, denn zum Feiern hat offenbar keiner Zeit. Weiter, vorbei an der von Greenpace und Bund Naturschutz bespielten Miniatur-Staatskanzlei, rüber zum lauschigen Open-Air-Bereich des Hacker-Pschorr-Brettls, wo ein Mensch namens Frinc Austro-Pop mit Reggae und Weltmusik mixt.

Olympiapark: Auftritt von Friedi Kuehne, Slackline-Weltrekordler.

Auftritt von Friedi Kuehne, Slackline-Weltrekordler.

(Foto: Stephan Rumpf)

Weiter zum guten alten Andechser Zelt zum Frauen-Vierer Daisy Ultra. Ein paar Schlenderschritte weiter schrammelt Mr Bob in der Reggae Music Bar auf der Gitarre, während nebenan im Marrakesch-Zelt traditionelle Töne zu vernehmen sind. Überhaupt sieht es dort zwischen all den Teppichen, Teeservicen, Schälchen und Schüsselchen beinahe so aus wie in den Souks der Medina.

Es geht auf halb zehn zu, Slackline-Weltrekordler Friedi Kühne wird für den letzten Auftritt heute gleich in seinen leuchtenden LED-Anzug schlüpfen, doch davor haut die “Guten A-Band” nochmal ordentlich einen raus. Die Absperrungen sind längst gefallen, die Leute tanzen und grooven zu den gekonnten Coverversionen der Hawaii-Boys. Die haben jetzt auch ihren Spaß: “Wisst ihr, dass drüben im Olympiastadion gerade die ‘Ärzte’ spielen?”, ruft der Sänger in die Menge, “diesen Song hier haben wir öfter gespielt als die selbst. Grüße!” Und dann spielen sie “Zu spät”, eine Mitgröhl-Nummer, die so unwiderstehlich in den großen Zeh und weit darüber hinaus geht. Jetzt müsste Oberbürgermeister Dieter Reiter nur noch irgendein Bio-Bier-Fass anzapfen und “Tollwood is!” rufen. Aber auch so ist jedem klar: ‘S is wieder Sommer, Sommer in der Stadt.


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