Geflüchtete in München: Der größte Wunsch ist die eigene Wohnung - München

Geflüchtete in München: Der größte Wunsch ist die eigene Wohnung – München


Die Mittagssonne scheint in den Hof der Flüchtlingsunterkunft an der Neuherbergstraße. Es ist ruhig, ein paar Frauen sitzen vor dem Eingang, ein Junge fährt auf einem Roller herum. Seit März stehen hier, im Nordteil des Stadtbezirks Milbertshofen-Am Hart, Leichtbauhallen für Geflüchtete aus der Ukraine. 165 Menschen leben hier, darunter 56 Kinder; 83 Plätze sind zurzeit frei. Vorne steht ein Zelt, in dem gegessen wird; hinten befinden sich die Sanitärcontainer. In den Hallen sind die Unterkünfte in kleinen Boxen voneinander abgetrennt: jeweils vier Betten und zwei Spinde, eine aufgehängte Decke dient als Sichtschutz am Eingang. Nein, das sei keine dauerhafte Bleibe, sagt Petra Bauer von der Arbeiterwohlfahrt, die für die soziale Betreuung zuständig ist. “Ruhe, kein Krieg, Essen und Schlafen.” Deutschkurse, Spielangebote für die Kinder. Viel mehr könnten sie nicht leisten. Aber das ist ja gar nicht mal so wenig.

Bauer führt zusammen mit Nataliya Smoliy von der Betreiberfirma Puls M über das Gelände, es ist Besuch gekommen an diesem Freitag: die Fraktionsvorsitzende von SPD/Volt, Anne Hübner, sowie die SPD-Stadträte Barbara Likus und Roland Hefter. Am Montag ist Weltflüchtlingstag, aus diesem Anlass haben sie eine Tour zu verschiedenen Stationen der Flüchtlingsarbeit in München organisiert. Dabei begleitet sie ein München-typisches Motiv, das an jedem Ort wiederkehrt, auch an der Neuherbergstraße. Was das größte Problem sei für die Geflüchteten, was die Stadt noch tun könne? Eine eigene Wohnung, das sei der Wunsch von allen, sagt Petra Bauer. Ein schwierig zu erfüllender Wunsch in einer Stadt, in der es jedes Jahr 23 000 Anträge mit hoher Dringlichkeit auf eine Sozialwohnung gibt – und nur etwa 3500 Wohnungen vergeben werden können, wie Anne Hübner weiß.

Auf das Wohnungsthema war es auch morgens an der ersten Station zugelaufen. Die Kistlerhofstraße in Obersendling, ein Integrationsprojekt des sozialen Trägers Condrobs. Es gibt Platz für 62 junge Geflüchtete aus Ländern wie Afghanistan, Syrien, Somalia oder Eritrea, und 41 Studierende. Der Deal: Die Studenten können für Münchner Verhältnisse relativ günstig wohnen, die Flüchtlinge wiederum – sowohl unbegleitete Jugendliche als auch junge Erwachsene in Ausbildung – haben von Anfang an Anschluss und Unterstützung. Die größte Frage ist auch bei ihnen: Wo hingehen, wie in München wohnen, wenn die Jugendhilfe endet?

Die Kinder wollen am liebsten gleich wieder nach Hause

Im Erdgeschoss befindet sich in dem Haus außerdem das Bistro Viva Clara, ein sozialer Gastronomiebetrieb mit Arbeitsplätzen für Frauen, die durch ihre Lebensgeschichte oder ihren sozialen Hintergrund weniger Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Die meisten sind geflüchtete Frauen, die ungefähr zwischen 2009 und 2021 nach Deutschland gekommen sind. 35 Plätze gibt es, 28 davon sind zurzeit belegt.

Nächste Station: ein Café im Münchner Norden. Die Ukrainerin Mariana ist mit ihren Söhnen Artur, Dennis und Artem aus Lwiw geflohen. Im März sind sie angekommen, und dass sie in der Münchner Region gelandet sind, kam so: Über ein paar Ecken waren sie in Kontakt gekommen mit Marcel Demeler, den sie an diesem Tag wiedersehen. Der Student, 22 Jahre alt, hatte einen Hilfstransport mit mehreren Autos an die polnisch-ukrainische Grenze organisiert. Auf der Rückfahrt saßen dann Mariana und ihre Söhne im Auto. Zunächst kamen sie bei Marcels Mutter Catherine Wendel in Münsing unter. “Die Kinder waren sehr verschreckt”, erinnert sie sich. Bei Pfannkuchen mit Nutella seien sie schließlich etwas aufgetaut.

An diesem Tag hat Fraktionschefin Anne Hübner ihnen Spielzeug-Dinosaurier mitgebracht. Die kommen gut an bei den Jungen, und während sie spielen, erzählt ihre Mutter: dass sie mittlerweile eine Wohnung bei Bad Aibling gefunden haben, dass sie bleiben möchten, bis der Krieg vorüber ist, auch wenn die Kinder am liebsten gleich nach Hause wollen – weil sie ihren Vater vermissen, die Oma und den Opa. Artur, dem Ältesten, fehlt auch seine Schule. Marcel Demeler, der Student, hat inzwischen eine eigene Hilfsorganisation gegründet. Nächste Woche will er in die Ukraine fahren, er hat sich weiter viel vorgenommen: Hilfsgüter hinbringen, eine Dokumentation drehen und, wenn es klappt, Waisenkinder aus Charkiw nach Deutschland bringen.

Zurück zu den Leichtbauhallen in der Neuherbergstraße. Während der Flüchtlingswelle 2016 hatte SPD-Fraktionschefin Anne Hübner eine ähnliche Unterkunft an einem anderen Standort besucht. Sie sei positiv überrascht, sagt sie, dass heute vieles besser funktioniere als damals. Und spricht dann noch etwas an, das für manch andere, um die es an diesem Tag geht, wohl auch ein bisschen bitter ist: die ungleiche Behandlung zwischen Geflüchteten, Ukrainer sind deutlich bessergestellt als andere Gruppen, die nicht aus Europa kommen. “Das ist staatliche Diskriminierung”, sagt Hübner, auf Dauer sei das nicht akzeptabel. “Ich hoffe, dass man etwas daraus lernt.”


www.sueddeutsche.de