Das Ärzte-Konzert im Münchner Olympiastadion: Ein königliches Resümé - München

Das Ärzte-Konzert im Münchner Olympiastadion: Ein königliches Resümé – München


Zugegeben: Dass das Mitbringen von Nazis verboten sei, steht auf der Eintrittskarte für das Die Ärzte-Konzert im Münchner Olympiastadion sehr, sehr klein geschrieben. Irgendwo zwischen den ebenfalls verbotenen Dosen, Tieren und pyrotechnischen Gegenständen sind sie aufgelistet. Trotzdem betonen die Ärzte wiederholt an diesem Sommerabend in München, dass das Stadion heute eine Nazi-freie Zone sei. Dafür habe der Aufdruck auf der Eintrittskarte schon gesorgt. Zumindest bei den Nazis, die lesen können. Musikalische Kampfansagen gegen Rechts wie in “Doof bleibt doof” oder “Schrei nach Liebe” gibt es dann aber trotzdem. Sicher ist sicher. Immerhin zählen diese Stücke zu den großen Hits aus einer nunmehr 40-jährigen Bandgeschichte, sieht man einmal von den Jahren zwischen der Bandauflösung 1988 und der Wiedervereinigung 1993 sowie von der Bandpause von 2013 bis 2017 ab. Sie dürfen also auf keinen Fall fehlen.

Erst recht nicht bei ihrem ersten Stadion-Konzert in München, bei dem die “beste Band der Welt” geradezu königlich ihre gemeinsamen Jahre resümiert. Mit einem gekonnten Blick über den eigenen Tellerrand auf die gesamte Rockgeschichte wird dieser Abend mit dem berühmten Thema aus “Also sprach Zarathustra” eingeläutet. Nicht etwa, weil dessen Komponist Richard Strauss ein echtes Münchner Kindl ist. Die zugespielte, sehr schräge, dem angeblich schlechtesten Orchester der Welt – Portsmouth Sinfonia – zugeschriebene Version des Zarathustra von Dirty George ist die wahrscheinlich beste Punk-Verbeugung vor dem King of Rock’n’Roll Elvis Presley. Der startete nämlich alle Konzerte in seiner Spätphase mit eben jener Strauss-Komposition. Der Blick der Ärzte reicht also weit und hoch.

Popzitate würzen das eigene Repertoire

Eine weitere Reminiszenz an den King an diesem Abend ist übrigens der grün-rosa-farbene Schriftzug der allerersten Elvis-LP aus dem Jahr 1956. Einige Jährchen später ziert solcher Schriftzug auch das Tour-Album der Ärzte, “Nummus Cecidit”, das ausschließlich auf den Konzerten der Berliner Punkband verkauft wird. Wobei das nicht die einzigen Popzitate sind, mit denen die Ärzte gewitzt ihr eigenes, bereits pophistorisch bewährtes Repertoire würzen. Schlagzeuger Bela B. singt auch mal eine Textzeile des Beatles-Klassikers “Within You, Without You”. Und der Bassist, Gitarrist und Keyboarder Rod González, der wegen des Cembalo-Klangs eines seiner Keyboard-Einlagen von Sänger und Gitarrist Farin Urlaub als “die Miss Marple der Keyboarder” gefeiert wird, intoniert entsprechend Ron Goodwins berühmte Musik aus den alten Miss Marple-Filmen.

Vor allem aber brilliert das schlagfertige Trio mit seinen eigenen Songs, für die es auf Wunsch des Publikums auch mal die geplante Setliste verlässt. “Wie bescheuert ist das eigentlich, ,Vollmilch’ zu fordern, wenn ich gerade ein ganz anderes Stück angekündigt habe”, moniert Farin Urlaub etwa. Fans durchkreuzen da seine Moderation mit Zwischenrufen. Lauthals wünschen sie sich sich das Lied “Vollmilch”. Und die Ärzte reagieren, erfüllen den Musikwunsch spontan, kurz und pointiert – und mit einer kleinen Textänderung. Wo sich der Sänger früher dazu bekannt hatte, Vollmilchtrinker zu sein, heißt es nun: “Ich trank Vollmilch.” Vergangenheit. Mittlerweile gibt es nämlich Mandelmilch.

Im Stadion herrscht ausgelassene Stimmung

Die ausgelassene Stimmung im Stadion motiviert die Band schließlich zu weiteren Verlängerungen ihres geplanten Sets: “Müsste ich ein Publikum bauen, würde ich euch bauen. Wo gibt es euch in Lego?”, lobt Farin Urlaub darum die Besucher des Münchner Olympiastadions. Wobei sich die Ärzte solche großartige Stimmung auch redlich verdient haben. Immerhin hatten sie es sogar gewagt, für ihr Stadionkonzert die auch diesmal wieder mitreißende Antilopen Gang als Vorgruppe zu engagieren. Weil die Hip-Hop-Formation im Vorjahr schon im ausverkauften Olympiastadion gespielt hatte, derweil es für den Ärzte-Abend noch Karten gegeben hätte, kündigte sie Farin Urlaub an diesem Sommerabend sogar als die erfolgreichere der beiden Bands an. Allerdings: Im vergangenen Jahr durften zur Antilopen Gang nur 200 Zuschauer ins Stadion. Damals gab es für sie auch den Gastsänger Bela B. nicht, der die Hip Hopper diesmal für das Stück “Pizza” live unterstützte.


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