Unterschleißheim – Geschosswohnung contra Reihenhaus – Landkreis München


Sie brauchen viel Fläche, verbrauchen viel Energie und viele Baustoffe: Als der Grüne Anton Hofreiter vor gut einem Jahr Einfamilienhäuser verteufelte, war bundesweit der Aufschrei bei Konservativen und Liberalen groß. Sie malten nach der harschen Kritik des Unterhachinger Bundestagsabgeordneten wieder das Gespenst der Verbotspartei an die Wand. An der Frontstellung hat sich seither nichts geändert. Das zeigt nun eine Kontroverse in Unterschleißheim, wo die CSU beim geplanten Baugebiet Mehrgenerationen-Wohnen in Lohhof-Süd darauf pocht, dass auf den der Stadt gehörenden Flächen Reihenhäuser entstehen. Die Grünen wollen dagegen kompakter bauen lassen. Dabei nehmen beide Seiten für sich in Anspruch: Die Bürger wollen es so.

Noch ist weitgehend offen, wie das ausgedehnte neue Wohngebiet einmal aussehen soll, in dem gemäß dem Namen ein besonderes Augenmerk auf dem gedeihlichen Zusammenleben der unterschiedlichen Generationen liegen soll. Doch längst wird intensiv darüber gerungen, wie Seniorenwohnen, familiengerechte Appartements, Gewerbe, Einkaufsmöglichkeiten und parkähnliche Flächen gut miteinander in Einklang zu bringen sind. Die Stadt hat Ende 2021 noch vor Beginn des Bebauungsplanverfahrens online eine Bürgerbeteiligung mit Befragung vorgeschaltet. Es gab Workshops und erst im Mai kamen 160 Einwohner mit Architekten und Stadträten zusammen, um sich über das neue Quartier in Lohhof-Süd auszutauschen. Es wurde auch dort lebhaft diskutiert. Die erste offizielle Beteiligungsrunde im offiziellen Auslegungsverfahren der Pläne läuft noch bis Juli.

Auch die politischen Parteien im Stadtrat versuchen, Einfluss zu nehmen. Dabei geht es insbesondere darum, wie der schmale Streifen im Westen des Areals, angrenzend an die Mallertshofener Straße, bebaut werden soll; dieser gehört der Stadt. Ein erster Entwurf sah dort in lockerer Abfolge quadratische, bis zu fünf Stockwerke hohe Punkthäuser und dreistöckige Riegel vor, die als Geschossbauten oder als Reihenhäuser ausgebildet werden könnten, wie Tino Schlagintweit (Grüne) ins Gedächtnis ruft. Er findet nun, dass dort noch dichter bebaut werden sollte. Die CSU ist da ganz anderer Meinung.

Unterschleißheim: Das ursprüngliche Konzept sieht Punkthäuser angrenzend an die bestehende Siedlung vor, die an der Mallertshofener Straße beginnt. Die Grünen wollen dort mehr Dichte, die CSU will Reihenhäuser.

Das ursprüngliche Konzept sieht Punkthäuser angrenzend an die bestehende Siedlung vor, die an der Mallertshofener Straße beginnt. Die Grünen wollen dort mehr Dichte, die CSU will Reihenhäuser.

(Foto: privat)

So brachte die CSU im März in einer Runde vor, dass dort angrenzend zur Einfamilienhaus-Bebauung in der bestehenden Siedlung vor allem Reihenhäuser statt Wohnblocks oder Punkthäuser platziert werden sollten. Die Architekten haben das in ihr Konzept aufgenommen, was Schlagintweit zu einem Gegenentwurf motiviert hat. Die Architekten hätten “die Quadratur des Kreises” versucht und alles sei schlechter geworden. Die kleinteilige Bebauung dort führe zu Nachteilen für das gesamte Viertel. Notwendig wären dagegen “eindeutige städtebauliche Zielvorgaben” mit ganz anderer Stoßrichtung.

Unterschleißheim: Grünen-Stadtrat Tino Schlagintweit hat einen Alternativvorschlag für eine Bebauung angrenzend an der Mallertshofener Straße vorgelegt, mit U-förmigen in der Höhe abfallenden Gebäuden.

Grünen-Stadtrat Tino Schlagintweit hat einen Alternativvorschlag für eine Bebauung angrenzend an der Mallertshofener Straße vorgelegt, mit U-förmigen in der Höhe abfallenden Gebäuden.

(Foto: privat)

So stellt Schlagintweit im Namen der Grünen zur Diskussion, “durch Verschmelzung der Baukörper zu größeren U- oder L-förmigen Einheiten” insgesamt zu einer höheren Dichte zu gelangen. Das bringt aus ihrer Sicht den Vorteil, dass die Gebäudekörper weiter auseinander platziert werden könnten, was zu grünen Freiräumen führe, wo auch große Bäume sich entfalten könnten. Die von der CSU propagierte Bebauung verbrauche Fläche, weshalb höhere Punkthäuser zusammenrückten, was dazu führe, dass sich die Bewohner dort gegenseitig in die Fenster schauten. Und die Bewohner der Reihenhäuser verfügten “kaum noch über Privatsphäre in ihrem einsehbaren Mini-Gärtlein”. Schlagintweit findet: Verdichtung geht anders.

Unterschleißheim: Tino Schlagintweit von den Grünen fordert eine klare städtebauliche Linie und einen Fokus auf bezahlbarem Wohnraum.

Tino Schlagintweit von den Grünen fordert eine klare städtebauliche Linie und einen Fokus auf bezahlbarem Wohnraum.

(Foto: Stephan Rumpf)

Unterschleißheim: Stefan Krimmer von der CSU sagt, in persönlichen Gesprächen werde der Wunsch nach Reihenhäusern laut.

Stefan Krimmer von der CSU sagt, in persönlichen Gesprächen werde der Wunsch nach Reihenhäusern laut.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die frühe Bürgerbeteiligung über das neue Online-Tool Consul hat dazu geführt, dass schon einiges an Aussagen und Daten vorliegt, woraus sich ablesen lässt, was eigentlich die Bürger wollen. Allerdings interpretieren die Parteien die Daten jeweils in ihrem Sinn. So lesen die Grünen ein Votum für verdichtetes, städtisches Bauen heraus, weil bei 416 Teilnehmenden 54 Prozent für kompaktere Bauweisen wie Geschossbauten und Reihenhäuser gestimmt hätten; aber nur 43 Prozent für “flächenfressende Einfamilien- und Doppelhäuser”. Die CSU dagegen sieht ein deutliches Votum für weniger dichtes Bauen. Sie zählt die Reihenhäuser (22,8 Prozent) bei sich ebenfalls mit und kommt so inklusive Einfamilien- und Doppelhäusern auf knapp 66 Prozent für ihre Position.

Klar ist jedenfalls: “Es gibt da einen Dissens”, wie es CSU-Fraktionschef Stefan Krimmer auf den Punkt bringt. Die CSU verfolge, was die Bebauung der städtischen Flächen in Lohhof-Süd-Gebiet angeht, eine andere Linie als die Grünen. “Der Wunsch der Bürger ist da ganz klar”, sagt Krimmer. Viele persönliche Gespräche hätten ihm gezeigt, sagt er, dass Familien nach wie vor ihr Heim mit eigenem Gartenanteil wollten. Einfamilienhäuser und Doppelhäuser seien vielleicht schwierig umzusetzen. Aber: “Das Modell Reihenhaus ist noch lange nicht vom Tisch.” Beifall bekommt die CSU für diese Position aus dem angrenzenden Wohngebiet im Bestand, wo sich Bewohner der Siedlung – auch das zeigt die Bürgerbeteiligung – gegen eine Blockbebauung wehren.

Die Grünen wollen in dem von Schlagintweit vorgelegten Entwurf, der ohne Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäuser auskommt, darauf dadurch Rücksicht nehmen, dass zur Bestandssiedlung hin der Geschosswohnungsbau niedriger ausfällt und auf Wohnhaushöhe absinkt. Schlagintweit hält der CSU vor, “subventionierte Wohnformen für (wenige) Besserverdienende zu propagieren, als gäbe es kein Morgen und beliebig Platz auf der grünen Wiese”. Dabei müsse es dort doch um bezahlbaren Wohnraum gehen.

Die Diskussion läuft also auf Hochtouren, so wie es sich das Rathaus eigentlich auch vorstellt. Geschäftsleiter Thomas Stockerl beobachtet es gelassen und betont, dass noch nichts entschieden sei. Die Bürgerbeteiligung laufe und am Ende würden die Eingaben vom Stadtrat abgewogen und eventuell aufgenommen. Jedenfalls verfolge die Stadt die Pläne für das Mehrgenerationen-Wohnen mit Nachdruck. Wohnraum sei knapp, die Menschen würden älter. Gerade die geplanten diversen Angebote für Senioren seien wichtig, sagt Stockerl. Außer einem Pflegeheim mit vielen Vollpflegeplätzen ist Tagespflege und Betreutes Wohnen vorgesehen sowie auch eine Pflegeschule. Das gesamte Quartier sei “ein ganz wichtiges Projekt für Unterschleißheim”.

Auf den städtischen Flächen im Westen geht es rein um Wohnraum. Aber sonst? Schlagintweit hält es auch noch für offen, ob die Stadt selber bauen und vermieten wird. Sie könnte ein Einheimischenmodell auflegen, zum Beispiel auf Erbpacht, oder könnte Flächen an Genossenschaften übertragen. Aber was die Art der Bebauung angeht, sind zumindest die Frontlinien klar. Während der Grüne Schlagintweit in seinem Denkmodell für klassische Blockrandbebauung oder Stadthäuser wirbt, zeigt Stefan Krimmer für die CSU klare Kante. Er fordert, dass im Bebauungsplan Reihenhäuser dort gebührend Platz finden. Ohne das “ist mit unserer Zustimmung nicht zu rechnen”. Verdichtetes Bauen gebe es an anderen Orten in der Stadt genug.


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